No plan. On our own. India

Am Anfang stand nur ein Preis

Am Anfang stand kein Wunsch nach Indien. Kein inneres Ziehen, kein lang gehegter Traum. Nur ein Preis, der zu offen war, um ihn zu ignorieren.

160 Euro nach Mumbai. Zwölf Stunden Aufenthalt auf den Seychellen. Zu absurd, um ihn zu ignorieren. Zu offen, um daraus sofort eine Geschichte zu machen. Wir buchten. Nicht, weil wir wussten, wohin wir wollten, sondern weil es sich richtig anfühlte, loszugehen.

Freunde sahen das Angebot. Sie buchten ebenfalls. Nicht aus Überzeugung, sondern aus derselben Mischung aus Neugier und Pragmatismus. Goa war einmal eine Idee gewesen, ein Ort, den sie kannten. Gerade deshalb entschieden wir uns dagegen. Stattdessen Kerala. Ein Anfang ohne Vergleich.

Die zwölf Stunden auf den Seychellen wurden kein Zwischenstopp im klassischen Sinn. Wir nahmen den öffentlichen Bus, fuhren an einen Strand, setzten uns in den Sand. Wir schwammen, aßen etwas, sahen zu. Nicht aus Neugier, sondern weil es nahelag. Wir gingen nicht, weil wir fertig waren, sondern weil der Flug weiterging. Mehr Zeit war nicht vorgesehen. Und vielleicht war genau das genug.

Dichte

Mumbai war Übergang. Laut, überwältigend, aber nicht unser Ort. Wir blieben nicht. Wir flogen weiter nach Kochi, wo der Süden anders roch, feuchter war, langsamer, aber nicht leiser.

Der Strand dort war kein Strand im klassischen Sinn. Kein Rückzugsort, kein Postkartenmotiv. Er war schmutzig, voll, lebendig. Familien, Kinder, Fischer, Müll, Stimmen, Bewegung. Alles gleichzeitig. Wir standen da und wussten nicht, wie man diesen Ort richtig liest. Also blieben wir einfach.

Indien stellte schnell andere Regeln auf. Bier zum Beispiel. Es war nicht verboten, aber auch nicht selbstverständlich. In einem Restaurant bekamen wir welches, doch die Flaschen durften nicht auf den Tisch. Sie mussten auf dem Boden stehen, unsichtbar, als wären sie nie da gewesen. Keine Lizenz. Keine Diskussion. Später ein Shop, ein einziges kleines Fenster, davor eine dichte Menge Männer. Zweihundert vielleicht. Kein erkennbares System. Wir dachten, wir hätten keine Chance. Und dann machten sie Platz. Unsere Männer kämpften sich nach vorne. Zwei Flaschen für jeden. Es fühlte sich an wie ein kleiner Sieg, ohne Bedeutung – und genau deshalb passend.

Mit dem öffentlichen Bus fuhren wir weiter nach Marari Beach. Ohne Unterkunft. Ostern. Alles voll. Stundenlanges Suchen, Fragen, Warten. Erschöpfung. Irgendwann ein Zimmer. Immer irgendwann.

Der Strand dort war ein Fest. Nicht unseres, sondern ihres. Hunderte indische Familien, fein gekleidet, lachend, hüpfend, feiernd. Ostern, ohne religiöse Strenge, mehr als Anlass denn als Ritual. Wir waren mittendrin, fremd und doch akzeptiert. Kleine Jungs verkauften selbstgemachte Drachen. Wir kauften welche, ließen sie steigen, sahen ihnen nach. Es war kein Moment für Fotos. Es war ein Moment zum Dableiben.

Bier wurde wieder kompliziert. Jeden Tag neu. Unsere beiden Männer fuhren einmal mit einem Tuk-Tuk-Fahrer irgendwohin, in eine Bar, die man nicht gefunden hätte, wenn man danach gesucht hätte. Schummrig, halb verborgen. Sie kamen mit Flaschen zurück. Am Ostersonntag fragte ein Schweizer verzweifelt, ob wir Bier hätten. Er würde jeden Preis zahlen. Wir hatten keins mehr. Und über die Feiertage war auch sonst nichts mehr zu bekommen.

Schön und schmuddelig

Ein Hausboot in den Backwaters ergab sich nicht aus Planung, sondern aus Beziehungen. Ein Familienmitglied kannte jemanden. Wir fuhren mit dem Bus dorthin. Das Boot war schön und schmuddelig zugleich. Wir genossen die Fahrt. Bier war im Vorfeld organisiert worden. Abends legten wir an einer Wiese an. Kühe standen im Gras. Stille. Eine Oase.

Nach dem Abendessen gingen wir ins Bett. Eine Kakerlake tauchte auf. Wir holten einen der drei Mitarbeiter. Er kam mit einem Besen, wedelte entschlossen, trieb sie in eine Ritze. Er war zufrieden. Zehn Minuten später war sie wieder da.

Als wir ihn erneut suchten, war niemand mehr an Bord. In der Küche fanden wir das benutzte Geschirr, ungespült, überall verteilt – und übersät mit unzähligen Kakerlaken. Wahrscheinlich absichtlich dort gelassen, damit sie nicht in unsere Zimmer kamen. Wir schliefen trotzdem.

Am Morgen lag das Wasser ruhig, Palmen spiegelten sich, Menschen lebten ihren Alltag am Rand. Es war leicht, sich vorzustellen, länger zu bleiben.

Aber Weitergehen war längst Teil dieser Reise geworden.

Die Lakkadiven tauchten kurz als Gedanke auf. Zu kompliziert. Zu viele Anschlüsse. Also Berge. Kumily. Kühle Luft. Ein Bootsausflug auf einem See, voll mit inländischen Touristen. Unsere Freunde wollten nicht mit. Zu viele Menschen, sagten sie. Dort entstand der Satz, der blieb: Inländische Touristen sind keine Touristen. Auf dem Markt sahen wir Blumen, Farben, Gedränge. Ein altes Breakdance-Fahrgeschäft, betrieben von einem Mann, dem man nicht ganz traute. Eine Gewürzfarm. Kardamom, Pfeffer, Zimtrinde. Überall Menschen. Immer Menschen.

Weitergehen

Hier trennten sich unsere Wege. Nicht ohne Schmerz. Nicht leise. Wir waren traurig. Sehr. Unsere Freunde wollten nicht weiter, nicht nach Varanasi. Wir schon. Wir umarmten uns, länger als nötig, und wussten, dass sich hier etwas löste.

Munnar wurde ein Geschenk. Teeplantagen, Weite, Luft. Zwei Nächte zum Atmen. Abends leuchtete ein riesiger Baum vor unserem Zimmer, voller Glühwürmchen. Tausende. Still. Niemand hatte davon gesprochen. Niemand hatte es angekündigt. Es war einfach da.

Die Route nach Norden war direkt und doch kompliziert. Öffentliche Busse, ständig wechseln. Wir saßen oft hinten rechts. Später erfuhren wir, dass es der Platz des Schaffners war. Meist störte es niemanden. Einmal schon. Der Ton war scharf, abweisend. Wir hatten keine Lust auf schlechte Schwingungen. Wir stiegen freiwillig aus. Wissend, dass in zehn Minuten der nächste Bus kommt. Er war auch der einzige unhöfliche Inder auf dieser ganzen Reise.

Die Berge hinunter waren ein Rausch aus Grün. Blühende Bäume, Farben, die man nicht sortieren konnte. Coimbatore war laut, schmutzig, kurz. 

Ein Busbahnhof irgendwo unterwegs. Wir standen ganz vorne. Fast alleine. Als der Bus kam, stürmten Menschen von allen Seiten heran, warfen ihre Taschen durch offene Fenster, blockierten Sitze. Sekunden später war alles voll. Für uns kein Platz mehr. Wir mussten lachen. Jedes Mal, wenn wir daran dachten.

Weiter nach Masinagudi, nahe am Nationalpark. Tiger waren der Vorwand. Wir sahen keinen. Kein einziges Mal. Was wir fanden waren Bodhi-Bäume, sie spendeten Schatten. Alte Männer saßen zusammen. Kühe gingen zwischen ihnen hindurch. Gerüche von Staub, Holz, Essen. Freundlichkeit. Ruhe. Abends wurden wir ermahnt, nicht zu Fuß unterwegs zu sein. Elefanten. Gefährlich. Wir hörten zu.

Im Bandipur-Nationalpark teilten wir uns einen Jeep mit fünf Indern. Es war pragmatisch. Schnell. Die einzige Möglichkeit. Wir fuhren los mit der stillen Übereinkunft, dass hier etwas passieren müsste. Nichts passierte. Kein Tiger. Kein Rascheln. Kein Moment. Nur andere Jeeps, andere Gesichter, dieselbe Erwartung. Man fragte sich irgendwann nicht mehr, warum man selbst hier war, sondern was all die anderen suchten. Vielleicht suchten wir alle dasselbe. Und niemand wusste genau, was das war.

Mysore brachte eine Pause. Pizza statt Gewürze. Ein Hotel mit Pool, der geschlossen war. Als Ausgleich durften wir einen Pool in einem Fünf-Sterne-Hotel benutzen. Wir sahen ihn uns an und gingen wieder. Schmutzig. Nicht alles, was glänzt, lohnt sich.

Abends leuchtete der Palast. Dreißig Minuten pro Woche. Wir wussten es nicht, als wir ankamen. Das Licht ging einfach an. Ein Geschenk. Vor dem Palast kaufte ich Postkarten. Später merkte ich: Es waren genau die gleichen, die meine Mutter dort schon gekauft hatte. Fünfundzwanzig Jahre vor mir. Der gleiche Ort. Die gleichen Bilder. Ein leiser Moment von Zeit, der sich faltete.

Der Marktplatz von Mysore war ein Ort zum Bleiben. Nicht, weil er ruhig war – sondern weil er alles zugleich war. Draußen Stimmen, Kühe, Motoren, Männer, die einfach saßen und schauten. Drinnen die Markthalle: Berge aus Zwiebeln, Knoblauch, Blüten, Gewürzen, Obst, Farben. Enge. Hitze. Gerüche, die sich nicht trennen ließen. Menschen bewegten sich darin mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre genau diese Dichte der Normalzustand. Wir standen lange. Und sahen zu. Wie so oft.

Der Zug nach Bangalore war unangenehmer als alle Busse. Stickig. Enge. Ventilatoren ohne Wirkung. Verkäufer für alles. Wir standen an der offenen Tür. Als wir zurückkamen, waren unsere Plätze weg. Niemand nahm Rücksicht. Bangalore selbst war schwer. Die Luft. Das Atmen. Wir blieben kurz.

Kein Überblick

Varanasi kam nachts. Das Taxi hielt, wo die Straße endete. Der Rest waren enge Gassen, Dunkelheit, Kühe, Hunde, Menschen auf dem Boden. Kein Internet. Kein Plan. Angst. Ein Mann nahm unser Gepäck. Wir folgten ihm durch das Labyrinth. Dann Licht. Wächter. Ein Innenhof. Der Palast.

Von oben wirkte der Ganges ruhig. Friedlich. Mächtig. Unten war das Leben laut, bunt, roh. Verbrennungen. Feuer. Das Knacken der Schädel, um die Seele zu befreien. Mystisch. Unfassbar.

Abends fuhren wir mit dem Boot hinaus. Viele Boote auf dem Wasser. Musik. Kerzen. Ein Lichtfest. Leben wurde gefeiert. Wir ließen Kerzen ins Wasser.

Am Morgen der Abreise schwammen Kinder neben dem Boot, übten, lachten, riefen.

Später flogen wir zurück nach Mumbai. Dann nach Hause.

Indien verlangte keine Erlaubnis. Es wollte kein Konzept. Es ließ uns nicht in Ruhe – und genau das war sein Geschenk.

Wir gingen weiter, weil Stillstand nie vorgesehen war.