Eine Safari auf eigene Faust durch Kenia, Richtung Kilimanjaro.
Heute klingt das nach einem klaren Plan. Damals war es vor allem eins: eine Idee.
Gebucht war eine einfache Reise an die Küste. Zehn Tage, Strand, Wärme, Meer. Kenia fühlte sich weit weg an – auch zeitlich. Das Internet war kein Begleiter, eher ein Gerücht. Wer sich bewegen wollte, kaufte eine Straßenkarte. In der Buchhandlung blätterten wir durch mehrere Versionen desselben Landes, jede mit leicht anderen Straßen. Keine davon machte wirklich Mut.
Schon dort begannen die Gedankenspiele. Was, wenn wir falsch abbiegen? Was, wenn wir gar nicht ankommen? Was, wenn jemand merkt, dass wir keine Ahnung haben?
Und trotzdem stand irgendwann fest: Wir wollen nicht in einen Bus steigen. Nicht auf eine geführte Safari. Wir wollten selbst fahren. Sehen, wie sich das Land anfühlt, nicht wie es erklärt wird.

Ankommen an der Küste
Unser kleines Hotel lag nördlich von Mombasa, direkt am Strand. Palmen, Salzluft, warme Nächte. Wir blieben ein paar Tage, ließen Zeit vergehen, fragten herum. Immer wieder dieselbe Reaktion: skeptische Blicke, leichtes Kopfschütteln.
„You need a good car.“ Jeep mit Fahrer: ja. Jeep ohne Fahrer: eher nicht.
Aber genau das war der Punkt. Wir wollten nicht begleitet werden. Nicht beschützt. Nicht gelenkt. Nach vielen Gesprächen, Umwegen und Büros, in denen es nach Staub, Papier und Schweiß roch, stand er plötzlich da: ein Jeep. Vor dem Hotel. Bereit.
In der Nacht vor der Abfahrt kam der Schlaf nur in kurzen Stücken. Zu viele Geschichten im Kopf. Zu viele Möglichkeiten. Zurück ging nicht mehr.
In der Nacht vor unserer Abfahrt kam der Schlaf nur in kurzen Stücken. Zu viele Geschichten im Kopf. Ali wusste genau, wann wir losfahren wollten, welche Strecke wir geplant hatten und wo wir übernachten würden. Je länger wir wach lagen, desto lauter wurden die Gedanken. Kidnapping, Überfall – alles schien plötzlich möglich.
Als dann auch noch der Strom ausfiel und die Stadt im Dunkeln lag, fühlte sich alles noch unwirklicher an. Zurück gab es nicht mehr. Das Auto stand schon vor dem Hotel.
Der Weg hinaus
Um vier Uhr morgens fuhren wir los.
Unser Licht war das einzige weit und breit. Mombasa schlief noch – oder tat zumindest so. Die Karte half nicht. Straßen führten ins Nichts oder existierten nur auf Papier. Also fragten wir. Drei Männer standen um eine brennende Tonne, zeigten wortlos in eine Richtung. Das musste reichen.
Die ersten Kilometer waren ein einziger Schlaglochparcours. Der Asphalt sah aus, als hätte jemand gezielt alles zerstört, was eben noch ganz war. Langsam arbeiteten wir uns vor. Dann, plötzlich: perfekte Straße. Glatt. Breit. Kurz darauf wieder Staub, Lehm, Löcher.
Stunde um Stunde.
Weiße Kreideumrandungen um jedes Schlagloch, als hätte jemand beschlossen, Ordnung in das Chaos zu bringen. Es fühlte sich an wie ein Spiel mit ständig wechselnden Regeln.
Richtung Kilimanjaro
In Emali suchten wir den Abzweig Richtung Amboseli. Es gab keinen. Also wieder fragen. Drei junge Massaimädchen lachten, zeigten, kicherten. Irgendwann fanden wir ihn – oder etwas, das dafür durchging.
Ab da wurde es still.
Die Straße war kein Weg mehr, sondern eine Richtung. Rotbrauner Sand, gewellt vom Wind. Fahren ging nur langsam – oder sehr schnell. Langsam bedeutete Rütteln, Stillstand, Verzweiflung. Schnell bedeutete Schweben. Also fuhren wir schnell. Ohne zu bremsen. Ohne wirklich zu wissen, was kommt.
Der Kilimanjaro zeigte sich nur schemenhaft, aber er blieb. Ein fixer Punkt in all dem Staub. Wir folgten Reifenspuren, fuhren an Massaisiedlungen vorbei, sahen die ersten Strauße, dann Gazellen.
Und dann standen wir plötzlich vor einem Schild.

Auf unserer Karte hätte der Abzweig irgendwo nach einem Fluss kommen sollen, nicht davor. Der Fluss war da – der Abzweig eigentlich noch nicht. Das Schild wirkte alt, verwittert, halb vergessen. Mit sehr viel Wohlwollen konnte man gerade noch erkennen, dass dort vielleicht einmal Amboseli gestanden hatte. Ein Pfeil zeigte schräg von der Straße weg.
Wir hielten an. Stiegen aus. Schauten auf die Karte. Schauten auf das Schild. Schauten auf die „Straße“.
Was vor uns lag, hätte bei uns nicht einmal als Feldweg gegolten. Tief ausgefahren, schräg, wild, kaum als Spur zu erkennen. Kein Mensch weit und breit. Kein Haus. Kein Fahrzeug. Kein Hinweis darauf, dass hier irgendjemand entlangfuhr – außer ein paar alten Reifenspuren, die auch schon Tage alt sein konnten.
Wir standen lange dort. Sehr lange. Redeten wenig.
Rechneten alles durch, was man ohne Informationen durchrechnen kann.
Wenn das falsch war, gab es kein Zurück. Kein Wenden. Kein Fragen.
Und genau deshalb fuhren wir los.
Wir folgten dem Schild.
Die nächsten dreißig bis sechzig Minuten fühlten sich endlos an. Der Weg wurde schmaler, schiefer, unruhiger. Jeder Meter war Unsicherheit. Jeder Hügel eine neue Frage. Die Angst fuhr mit, still, dauerhaft. Wir hielten den Blick starr nach vorn gerichtet, suchten nach irgendetwas, das bestätigte, dass wir nicht komplett falsch lagen.
Dann, in der Ferne, ganz plötzlich: ein Tor.
Kein Zaun. Nur ein Tor. Mitten im Nichts.
Und ein Ranger daneben.
Wir schauten uns an – und lachten. Laut. Unfassbar erleichtert. In diesem Moment gehörten wir zu den glücklichsten Menschen weit und breit.
Wir waren angekommen.
Amboseli
Im Park änderte sich alles. Wege waren markiert, Kreuzungen beschildert. Fast unwirklich nach dem Chaos davor. Wir fuhren zur Lodge, aßen, tranken Wasser – und fuhren wieder los.

Tiere überall. Antilopen, Zebras, Elefanten. Eine große Herde im Sumpf. Ein junges Elefantenkalb, grasend, spielend, vor dem Kilimanjaro. Wir blieben. Die Busse hielten kurz, fuhren weiter. Wir nicht.

Später überquerten wir einen ausgetrockneten See, Staubwolken hinter uns, Gazellen sprangen zur Seite. Am Abend, auf dem Rückweg, wurde es dunkel. Elefanten nutzten die Straße. Ihre Ohren tauchten plötzlich neben den Fenstern auf, riesig, lautlos. Wir hielten den Atem an. Sie ließen uns passieren.

In der Nacht saßen wir am Lagerfeuer. Rotwein. Hyänen, Löwen, Elefanten in der Ferne. Geräusche, die man nicht vergisst.
Der Morgen danach
Noch vor Sonnenaufgang fuhren wir los. Der Kilimanjaro lag im Dunkeln. Dann Licht. Löwen. Ein kleines Warzenschwein. Spannung. Es kam davon. Wir waren erleichtert.
Giraffen, Büffel, wieder Elefanten. Tiere in Bewegung, frei, unbeeindruckt. Zum Mittag kehrten wir zurück. Danach Abschied. Der Jeep wurde noch einmal betankt – aus einem Fass. Nicht alles darin war Benzin.
Die Rückfahrt begann im Dämmerlicht. Polizeikontrollen, Taschenlampen, kurze Blicke. Die alten Ängste meldeten sich noch einmal. Aber wir kamen an.
Im Hotel lachten wir. In den Schubladen fand ich einen kleinen Zettel. Für den Fall der Fälle.
„Wenn was passiert: Ali war’s.“

