Die San Blas Inseln liegen im Karibischen Meer vor Panama und gehören zu einem autonomen Gebiet der Kuna Yala. Rund 365 kleine Inseln, geschützt durch Korallenriffe, viele davon kaum größer als ein Sandfleck mit ein paar Palmen. Manche sehen aus wie aus einem Kinderbuch: ein bisschen Land, zwei Palmen, eine Hängematte – fertig.
Natürlich wollten wir diese Inselwelt auf unserer Panama-Reise erleben. Wie genau, war lange unklar. Informationen waren schwer zu finden, vieles wirkte entweder zu organisiert oder seltsam entrückt von dem, was diese Orte eigentlich ausmacht. Also beschlossen wir, nichts vorab zu buchen und erst in Panama City zu entscheiden, wie wir weiter vorgehen.
Dort, zwischen Prospekten und Gesprächen im Hostel, waren wir kurz davor, den Plan wieder zu verwerfen. Zu viele Inseln, zu viele Angebote, zu wenig Gefühl. Dann trafen wir zwei Isländer – Segler, die regelmäßig zwischen Panama und Kolumbien unterwegs sind. San Blas kannten sie gut. Ihr wichtigster Rat: nichts im Paket buchen. Alles vor Ort organisieren. Und sie nannten uns eine Insel, fast beiläufig: Chichime.
Am nächsten Morgen, noch im Dunkeln, stiegen wir in einen Jeep. Wir sammelten weitere Reisende ein, hielten kurz an einem Supermarkt für Proviant und fuhren dann stundenlang durch Regenwald, über Berge, bis zur Grenze des autonomen Kuna-Yala-Gebiets. Pässe zeigen, eine Gebühr bezahlen, weiterfahren. Schließlich ging es bergab – und wir standen am Hafen.

Dort herrschte ein geschäftiges Durcheinander. Boote, Menschen, Gepäck, Stimmen. Wir hatten weder ein Bootsticket noch eine konkrete Vorstellung, wohin wir mussten. Unser Fahrer führte uns zu einem Steg und sprach mit einer älteren Kuna-Frau. Sie hörte zu, nickte knapp und wandte sich wieder ihrem Gespräch zu. Ab diesem Moment war sie offenbar unsere Bezugsperson. Wir blieben einfach in ihrer Nähe. Es begann zu regnen. Stark. Ein Baum stürzte um. Wir warteten weiter.
Irgendwann rief jemand „Chichime“. Die Frau stand auf, wir folgten.
Die Bootsfahrt war schnell, laut und wunderschön. Wir flogen über das Wasser, vorbei an unzähligen kleinen Inseln – jede anders, jede für sich vollkommen. Manche bewohnt, manche leer. Nach und nach stiegen Mitfahrer aus, bis wir schließlich allein mit dem Fahrer im Boot saßen.
Chichime
Die Insel war klein, still, fast leer. Weißer Sand, Palmen, ein paar Hütten direkt am Wasser. Segelboote lagen vor Anker. Ramon, der Besitzer der Insel, begrüßte uns gemeinsam mit seinem Sohn und dem Inselhund. Seine „Rezeption“ war gleichzeitig ein kleiner Kiosk. Bier, Wein, Snickers – zumindest laut Tafel.
Wir erfuhren, dass wir die einzigen Gäste waren. Alle Hütten frei. Der Preis pro Nacht war schnell genannt, inklusive aller Mahlzeiten. Neugierig fragten wir, was drei Nächte kosten würden. Ramon zog seinen Taschenrechner hervor, tippte konzentriert und drehte ihn uns schließlich hin: 80 × 3 = 240. Kein Lächeln, keine Pause. Fertig.
Uns war sofort klar, dass Verhandeln hier keine Rolle spielte. Kein alternatives Boot, keine andere Unterkunft. Also blieben wir – für zwei Nächte.
Unsere Hütte stand direkt am Wasser. Die Betten im Sand, saubere Bettwäsche, einfach, aber stimmig. Dusche und Toilette lagen ein Stück entfernt. Nachts, wenn der Wind durch die Palmen ging, wurde jeder Gang dorthin zu einem kleinen Abenteuer. Aus Vorsicht vor fallenden Kokosnüssen hielt ich mir jedes Mal die Hände über den Kopf.
Zum Essen pfiff Ramon in eine Muschel. Dann versammelten wir uns in einer größeren Hütte, wo seine Familie saß, aß und fernsah. Es gab Fisch, später Languste, dazu Beilagen aus Kochbananen, immer anders zubereitet. Einfach, kreativ, selbstverständlich.
Besonders stolz war Ramon auf seine große Kühltruhe. Bis oben gefüllt mit Bierdosen. Jedes Öffnen begleitete ein stilles, zufriedenes Lächeln. Nur an das Snickers kamen wir nie heran. Seine Tochter kicherte jedes Mal verlegen, wenn wir danach fragten. Vielleicht wusste sie wirklich nicht, was wir meinten.
Die Tage auf Chichime waren langsam. Die Insel ließ sich in zwanzig Minuten umrunden – wir taten es unzählige Male. Dazwischen sprangen wir ins warme Wasser, schnorchelten, lagen in Hängematten, suchten Schatten.
Unter Wasser begegneten uns bunte Fischschwärme, Seesterne und ein großer Rochen. Am anderen Ende der Insel lebte eine zweite Familie, bei der wir regelmäßig für ein kaltes Getränk einkehrten.
Man hätte Ausflüge machen können. Wir wollten nicht.
Alles war da.
Nach zwei Nächten war es Zeit zu gehen. Müde von Hitze, einfachen Nächten und Sandflöhen, aber erfüllt. Die Zeit hatte sich gedehnt, als wären wir länger geblieben als geplant.
Chichime war kein Ort, den man besucht.
Es war ein Zustand.
