Zu Gast bei den Uros

Der Titicacasee liegt hoch oben in den Anden, auf fast 3.820 Metern.

Vor Puno, auf der peruanischen Seite des Sees, leben die Uros auf schwimmenden Inseln aus Schilf. Etwa neunzig sind es heute. Inseln, die nicht gebaut wurden, um zu bleiben, sondern um zu tragen.

Zum ersten Mal hörte ich von ihnen in einem Bericht über die „gefährlichsten Schulwege der Welt“. Kinder, die jeden Morgen mit kleinen Booten über den See paddeln. Damals schien mir das kaum vorstellbar. Schilf als Boden. Schilf als Haus. Schilf als Weg.

Erst kurz vor unserer Ankunft in Puno wurde mir klar, dass man einige dieser Inseln nicht nur besuchen, sondern auch dort übernachten kann. Eine Nacht auf dem Wasser, gebucht wie ein Hotelzimmer. Der Gedanke ließ mich nicht mehr los.

Ankommen

Am nächsten Morgen holte uns ein Taxi in Puno ab. Wir fuhren nicht zum Hafen, sondern hinaus aus der Stadt, durch ruhige Straßen, vorbei an Schilffeldern, bis plötzlich der See vor uns lag.

Dort wartete Wilber. Lachend, winkend, in seinem Boot.

Während der kurzen Fahrt erzählte er von den Inseln, von den Familien, die hier leben, von einem Alltag, der vollständig auf dem See stattfindet. Dann legten wir an.

Deliand empfing uns mit offenen Armen. Alles um uns herum bestand aus Schilf: der Boden unter den Füßen, die Hütten, die Dächer, die Boote, selbst die Sonnenschirme. Die Inseln halten etwa fünfunddreißig Jahre. Dächer wenige Monate. Boote kaum ein Jahr. Alles ist in Bewegung, alles muss immer wieder erneuert werden.

Der Tag

Wilber nahm uns mit hinaus auf den See. Wir bekamen Hüte – aus Schilf – und setzten uns in ein traditionelles Boot. Wir fuhren vorbei an anderen Inseln, an Netzen, an dichtem Schilf. Manchmal hielt Wilber an, zeigte, erklärte. Das Schilf dient nicht nur als Baumaterial, sondern auch als Nahrung. „Uros-Bananen“ nennen sie es. Es schmeckt leicht nach Lauch.

Zurück auf der Insel hatte Deliand gekocht. Suppe, danach Forelle aus dem See. Gegessen wurde auf Schilfmatten, die als Bänke dienten. Die bunten Decken und Wandbehänge hatte sie selbst genäht, ebenso wie die Stücke, die sie uns später ausbreitete. Wir nahmen zwei Kissenbezüge mit. Nicht als Souvenir, eher als Fortsetzung.

Am Nachmittag steckte sie uns in traditionelle Kleidung und lachte, während sie fotografierte. Danach saßen wir still in den Liegestühlen und sahen auf den See. Nichts musste passieren.

Die Schule

Am Abend kamen zwei weitere Gäste. Wilber bat uns, zusammenzukommen.

Er setzte sich auf seine „Schulbank“ und erzählte vom Bau der Inseln. Von der Wurzelmasse des Tortora-Schilfs, die in Blöcken aus dem See geschnitten wird. Von den Schichten, die darübergelegt werden. Vom ständigen Nachlegen, damit nichts absackt.

Während er sprach, wurde es dunkel. Der Himmel klar. Sterne über uns, der See ruhig. Lernen ohne Raum, ohne Wände.

Leben auf dem See

Viele Uros leben vom Fischfang. Wilber und Deliand vom Tourismus. Sie vermieten mehrere Hütten.

Ihr Sohn sitzt dennoch jeden Tag am Rand der Insel, über einem kleinen Loch im Schilf, und angelt. Die Tochter paddelt allein mit dem Boot zur Schule.

Es ist kein romantisches Leben. Aber ein funktionierendes.

Die Nacht

Am Titicacasee passen vier Jahreszeiten in einen Tag. Mittags Hitze, abends Kälte, nachts Frost.

In unserer Hütte lagen viele Decken bereit. Deliand hatte zusätzlich Flaschen mit heißem Wasser unter die Bettdecken gelegt. Drinnen war es fast zu warm. Draußen bitterkalt. Der Weg zur Toilette führte über beleuchtetes Schilf – Solarstrom macht das möglich.

Schlaf kommt hier nicht leise. Aber er kommt.

Abschied

Am nächsten Morgen frühstückten wir in der Sonne. Wilber flocht neben uns kleine Boote aus Schilf. Zwei schenkte er uns zum Abschied. Sie stehen heute noch in meiner Küche.

Umarmungen. Fotos. Dann wieder das Boot, zurück zum Festland.

Die Insel blieb zurück. Beweglich. Still.

Höhe

Der Titicacasee liegt höher, als der Körper es gewohnt ist. Die Luft ist dünner, der Atem flacher.

Schon in Cusco hatte ich gemerkt, wie schnell Müdigkeit kommt. In Puno, noch etwas höher, kehrte sie zurück. Kopfschmerzen. Schwindel. Erschöpfung.

Der Körper braucht Zeit. Ruhe. Wasser. Geduld.

Man kann die Höhe nicht beschleunigen.

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